2008/7 | Fachbeitrag | Lernendes Unternehmen

Unternehmenskultur – von Schauspielern lernen

von Reiner Czichos

Inhaltsübersicht:

Die Unternehmensführung verankert das Ziel „Lernendes Unternehmen“ in der Unternehmensphilosophie, in den Unternehmenszielsetzungen, vielleicht gar in der Vision, in der der Entwicklungshorizont für die nächsten Jahre aufscheint. Diese Verankerung bewirkt die Ausrichtung der gesamten Unternehmung auf flexible Lernprozesse – natürlich nicht von heute auf morgen, aber in einer mittel- und langfristigen Perspektive. So fließt dieses Unternehmensziel quasi automatisch in die Bereichszielsetzungen ein, hinterlässt seine deutlichen Spuren in den Abteilungszielen und schließlich in den Aufgabenbeschreibungen der Menschen. Wenn nun auf Führungskräfte- und Mitarbeiterebene die Zielsetzung „Lernende Organisation“ kreativ umgesetzt, gelebt sowie zur motivierenden Richtschnur des Denkens und Handels wird, entwickelt sich eine Unternehmenskultur, dessen Herzstück das Lernen und die Gestaltung des Wandels ist .

 

Das Lernende Unternehmen

 

Es ist nur zu natürlich, dass es während der Aufführung immer wieder Korrekturen geben muss – Lernprozesse sind offene Prozesse, es müssen stets Feinjustierungen vorgenommen werden. Ein Regisseur, dessen Ensemble ein und dasselbe Stück jede Woche drei- oder viermal auf die Bühne bringt, wird Kleinigkeiten verbessern, Fehler korrigieren und jede Aufführung als Möglichkeit interpretieren, aus dem Publikumsfeedback zu lernen, um noch besser zu werden.

Übertragen wir dies wieder aufs Unternehmen: Es müssen Strukturen geschaffen werden, die die Form der Zusammenarbeit und die Informationsabläufe zwischen Bereichen, Abteilungen und Mitarbeitern sichtbar machen, um aus dieser Analyse schließlich zu lernen und notwendige Veränderungsprozesse abzuleiten – eine komplexe Aufgabe, deren Umsetzung mit Hilfe folgender Ideen realisierbar wird:

  • Jeder Bereich, jede Abteilung erhält den Auftrag, die wichtigsten Kernprozesse zu beschreiben, also den Ist-Zustand zu bestimmen, ein Ideal zu definieren, den Soll-Zustand zu formulieren und die auf diese Weise entdeckten Lücken zu schließen – zum Beispiel durch interne und externe Weiter- bzw. Fortbildungsmaßnahmen.
  • Es findet eine Revision der Zielvereinbarungen statt: Inwieweit wird überhaupt mit Zielen geführt? Zielvereinbarungsgespräche auf allen Hierarchieebenen thematisieren die Ausrichtung auf das Lernende Unternehmen und die eruierten Lücken bei der Bewältigung der Kernprozesse und deren Schließung.
  • Konkrete Folge sind etwa die genannten offenen Rollenbeschreibungen, die den Führungskräften und Mitarbeitern Entscheidungsspielräume eröffnen. Das wiederum macht es notwendig, dass weniger durch Kontrolle als vielmehr durch Vertrauen geführt wird.
  • Hierarchisierte Entscheidungswege werden abgelöst durch Kommunikationsnetzwerke, in denen sich die Menschen frei bewegen können. Das heißt: Flexible Informationsnetzwerke ersetzen die starren Berichtssysteme.
  • Das Unternehmen ist ein Netzwerk zentraler und dezentraler Einheiten, die möglichst nah am Kunden arbeiten und entscheiden. Dezentralisation heißt zudem, Verantwortung zu delegieren und Entscheidungsmacht abzugeben – das erfordert mitunter ein Umdenken im Führungsverhalten.

 

 

Interne Drehbuchänderungen

 

Task Forces, Strategiegruppen oder Veränderungsteams kümmern sich „hauptberuflich“ darum, die Strukturen und Prozesse permanent daraufhin zu überprüfen, ob sie Lernfähigkeit garantieren. Diese Institutionen fragen sich permanent:

  • Wo genau stehen wir auf dem Weg zum Lernenden Unternehmen?
  • Was läuft gut, was weniger gut?
  • Welche Stolpersteine müssen beseitigt werden? Welche Veränderungen sind unumgänglich und notwendig, welche zumindest wünschenswert?

Voraussetzung dafür ist eine Fehlerkultur, die negative Entwicklungen zum Anlass nimmt, um Verbesserungsprozesse aufzubauen – zum Beispiel beim Beschwerdemanagement. Folgende Einstellung ist das Ziel: Ein reklamierender Kunde räumt dem Unternehmen eine zweite Chance ein. Er wechselt nicht zur Konkurrenz, sondern will das Problem erst einmal mit den Betroffenen lösen. An dieser Stelle führt ein proaktives Beschwerdemanagement dazu, dass das Unternehmen nicht erst reagiert, wenn der Kunde bereits verstimmt ist. Es fordert ihn vielmehr aktiv auf, sich zu beschweren und zu den Vorfällen zu äußern. Beschwerde-Hotlines, Fokusgruppen sowie Fragebögen zu den Produkten und Dienstleistungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Verbesserungspotenzialen auf die Spur zu kommen.

 

Externe Drehbuchänderungen

 

Lernende Unternehmen brauchen kreative Anstöße von außen. Regisseur und Schauspieler sind froh, wenn das Publikum – positive und negative – Kritik übt, der Beleuchter einen Verbesserungsvorschlag unterbreitet und der Requisiteur mit einer tollen Idee aufwartet.

Anstöße von außen kommen vor allem von den Kunden. Aber auch Lieferanten, Spediteure, Berater, Wettbewerber, Dienstleister – also alle, die mit dem Unternehmen auf irgendeine Art und Weise zu tun haben – sollten als „Angehörige des Unternehmens“ betrachtet und aufgefordert werden, konstruktive Kritik zu üben.

Denkanstöße von außen aufzunehmen, erfordert allerdings Souveränität – eine Eigenschaft, die Lernende Unternehmendurchaus aufbringen. Denn die Verantwortlichen wissen: Selbst die harscheste Kritik darf nicht persönlich genommen werden, sondern dient als Anregung zur Weiterentwicklung.

 

Fazit:

Lernen heißt, Veränderungen vorzubereiten, zu implementieren und durchzuführen. Erstrebenswert sind nicht Stabilität und Routine, sondern die permanente Erneuerung und Lernen. Globalisierung, Internationalisierung, weltweiter Wettbewerb, die Kommunikationsmöglichkeiten durch das Internet – der Wirtschaft bleibt gar nichts anderes übrig, als sich frühzeitig fit zu machen für die Bewältigung der Herausforderung des Lebenslangen Lernens.

„Alles fließt“ (Panta Rhei), so der Vorsokratiker Heraklit (um 540 v. Chr.). Dies trifft auf heutige Unternehmen mehr denn je zu. Wenn aber alles im Fluss ist, sollten die Verantwortlichen in den Organisationen gar nicht mehr versuchen, etwas festzuhalten oder Beständigkeit anzustreben. Optimalerweise richten sie ihre Energie stattdessen darauf aus, auf der Welle der permanenten Veränderungen zu gleiten – mit Kreativität, Innovationsbereitschaft und Lernfähigkeit. Aber: Brauchen wir im Wirbelsturm der Veränderungen nicht doch etwas, woran wir uns orientieren können, etwas Festes und Unverrückbares? Sicherlich. Dieser windstille Bereich im Wirbelsturm, das Auge im Taifun – eine auf Werten bauende Unternehmensvision könnte dies leisten.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Globale Marktkräfte & technologische Innovationen: Die Fertigungsindustrie im Umbruch

WISSENplus
Die Fertigungsindustrie befindet sich in einer frühen Phase eines grundlegenden Wandels, der möglicherweise die wichtigste Umgestaltung der gängigen Geschäftsmodelle seit der industriellen Revolution darstellt. Das ist die Kernaussage einer Befragung von Oxford Economics zu den Zukunftserwartungen von 300 Führungskräften weltweit tätiger Unternehmen. Fast 70 Prozent der Befragten gehen davon aus, das...

Weiterlesen

Die vier Phasen eines Veränderungsprozesses

Organisationen befinden sich heute mehr denn je im Wandel. Diese Veränderungsprozesse so zu gestalten, dass der erhoffte Nutzen für Kunden, Mitarbeiter und Inhaber gleichermaßen entsteht, ist eine große Herausforderung. Das zeigt sich auch darin, dass bei 70 Prozent aller Reorganisationsprozesse die Ziele nicht oder nur teilweise erreicht werden. Eine zentrale Ursache hierfür liegt in der Herangehenswe...

Weiterlesen

Oft vernachlässigt: Der Faktor Mensch im Changeprozess

WISSENplus
Führungskräfte unterschätzen bei Veränderungsprojekten oft, wie schwer es ihren Mitarbeitern fällt, Gewohnheiten aufzugeben. Deshalb erwarten sie von ihnen Verhaltensweisen, zu denen diese noch nicht fähig sind. Und sie gewähren ihnen nicht die nötige Unterstützung....

Weiterlesen

„Wissensmanagement ist ... eine Geisteshaltung“

WISSENplus
Immer mehr Unternehmen erkennen den Wert von Wissensmanagement. Damit die Umsetzung allerdings gelingt, müssen Betriebe und Institutionen erkennen, dass es sich dabei um sehr viel mehr handelt als um die Einführung von IT-Tools. Vielmehr geht es um den Wandel hin zu einer Lernenden Organisation. Dafür bedarf es wissensförderlicher Rahmenbedingungen und einer wissensfreundlichen Unternehmenskultur. Insbe...

Weiterlesen

Generationenspezifische Führung: Fluch oder Segen?

WISSENplus
Schubladendenken erleichtert zuweilen das Leben – auch im Führungsalltag. Die alltägliche Hektik und der Stress bei der Mitarbeiterführung lassen sich reduzieren, wenn die Führungskraft für Standardprobleme auch Standardlösungen parat hat, die sich bewährt haben. Doch die positiven Aspekte des Schubladendenkens kommen an ihre Grenzen, etwa dann, wenn durch das Führen mithilfe von Generationenzuord...

Weiterlesen

Vom Chaos zur Schwarmintelligenz

WISSENplus
Durch Ausbeutung der Natur (Exploitation / Dominium terrare) und dem großen Erfindungsreichtum (Genmanipulation) greift der Mensch in die Weltordnung (griechisch Kosmos) ein und verändert diese; nicht immer zum Vorteil für sich und die Natur. Getreu dem Newtonschen Aktions-Reaktions-Prinzip führt jedes Handeln zu einer Re-Aktion, sodass so etwas wie eine stabile Ordnung Wunschdenken des Akteurs bleibt. ...

Weiterlesen

Changemanagement: Kultureller Wandel bei der Rogers Germany GmbH

Der Wandel einer Organisation stellt Führungskräfte und Mitarbeiter vor große Herausforderungen. Wie Widerstände und kulturelle Barrieren durch Verhaltensänderungen nach einem erfolgreichen Übernahmeprozess überwunden werden konnten, zeigt das Beispiel der Rogers Germany GmbH, ehemals Curamik Elektronics GmbH, im oberpfälzischen Eschenbach. Mit Teamfit-Analyse konnte das Unternehmen Konflikte identi...

Weiterlesen

Kernkompetenz Resilienz

WISSENplus
Zugluft, Allergien auslösende Chemikalien, ohrenbetäubender Lärm – solche Krankmacher am Arbeitsplatz können Unternehmen leicht identifizieren. Ähnlich verhält es sich bei den meisten Arbeitsunfällen. Quetscht sich ein Produktionsmitarbeiter beim Stanzen die Hand, ist sofort klar, wodurch der Unfall verursacht wurde. Also können auch Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Anders sieht es bei den psychi...

Weiterlesen